PRESSE

Hamburger Abendblatt
30. November 2011

Offenbarungen aus dem Orient – Die 6. Hamburger Klangwerktage auf Kampnagel setzen ihren Schwerpunkt auf den Iran
Tom R. Schulz

Spröde und karstig ist der Boden für Neue Musik in Hamburg. Doch ab und an gebiert er ein zähes Gewächs, und wenn das manchen Winter überstanden hat, kommt vielleicht unverhofft ein warmes Licht von irgendwo und spendiert ihm einen kräftigen Wachstumsschub. So ist es gerade den Hamburger Klangwerktagen geschehen, die von morgen an bis zum Sonntag als Festival für zeitgenössische Musik wie jeden Herbst seit 2007 ihr Publikum auf Kampnagel erwarten.

Vor ein paar Tagen durfte die künstlerische Leiterin Christiane Leiste für ihre Arbeit einen in diesem Jahr erstmals vergebenen Preis in Empfang nehmen, auf den sie mit gutem Grund mächtig stolz ist: den “YEAH! Award”. Yeah ist aus Young EARopean Award abgeleitet, ausgezeichnet werden damit beispielhafte Formen der Musikvermittlung. Mehr als 170 Education-Projekte aus ganz Europa hatten sich beworben. Die vom Geldgeber, der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, beauftragte Jury befand fünf davon für preiswürdig, darunter als Einziges aus Deutschland das Projekt “Void” der Hamburger Klangwerktage 2009.

Mit einem wie immer bei den Klangwerktagen kleinen, aus vielen Quellen mühselig zusammengeschöpften Etat finanziert Frau Leiste diesmal ein erstaunlich ehrgeiziges und attraktives Programm. “Schwerpunkt Iran” steht in Arabisch anmutender Schrift auf dem Plakat. Zwei Musiker mit demselben Nachnamen, die jedoch nur über sechs Ecken miteinander verwandt sind, sind die Hauptakteure: Nader Mashayekhi, 53, der seit Jahren in Deutschland im Exil lebt, schrieb als Auftragswerk der Klangwerktage “Irdische Offenbarung” Musik zu einem Gedicht der iranischen Poetin Forugh Farrochsad. Die Ausführenden sind das Ensemble Resonanz und Elbtonal Percussion sowie die iranische Sängerin Sepideh Vahidi und die deutsche Sopranistin Marlis Petersen. Auch wenn sich Nader Mashayekhi im Vorfeld als großer Skeptiker der Völkerverständigung mit den Mitteln der Kunst vernehmen ließ (“Ein Dialog der Kulturen bringt absolut gar nichts”), weist die Besetzung mit zwei muttersprachlichen Sängerinnen zwischen Iran und Deutschland doch auf exakt diesen Zusammenklang der Kulturen hin – so dissonant auch immer der ausfallen mag.

Mit dem Auftritt des Iranian Orchestra for Contemporary Music kündigt das Festival für Sonntag ein spektakuläres Finale an. Zum ersten Mal überhaupt treten 30 der rund 50 Orchestermusiker aus Teheran außerhalb ihrer Landesgrenzen auf. Sie spielen sowohl auf westlichen als auch auf traditionellen iranischen Instrumenten, manche nach Noten, manche allein der Zeichengebung ihres komponierenden 71 Jahre alten Dirigenten Alireza Mashayekhi folgend.

Doch nicht nur neuer Musik aus dem Orient gilt das Augen- und Ohrenmerk der Klangwerktage; auch zeitgenössische Komponisten des Abendlands kommen zum Zug – Georges Aperghis, dessen Musiktheaterstück “Luna Park” morgen auf Kampnagel seine deutsche Erstaufführung erlebt, Wolfgang von Schweinitz, Jens Joneleit, Klaus Huber, Nikolaus Brass, HP Platz.

Nach einer Maxime John Cages stellen die Musikwelten des Ostens und des Westens die beiden Hemisphären des Gehirns dar, das erst im Zusammenspiel seiner Hälften gescheit funktioniert. Gelebte Synthese zwischen Orient und Okzident ist am Freitag zu erleben, wenn das Berliner Ensemble Work in Progress gemeinsam mit dem syrischen Ensemble Al-Kindî ein Auftragswerk des Syrers Ali Gorji mit dem Titel “Merke dir den Flug – der Vogel ist sterblich” aufführt. Höhepunkt des schön dialektisch mit “Stimmen des Schweigens” überschriebenen Abends.