„Ich möchte nicht elitär sein”
Die finnische Komponistin Kaija Saariaho ist “composer in residence” von KLANG!
Von Dr. Margarete Zander
In eine klangvolle Welt der Töne entführt uns die finnische Komponistin Kaija Saariaho mit ihren Werken. Die Seerosenbilder von Monet, die Tagebücher von Gauguin oder Filme von Ingmar Bergmann inspirieren sie ebenso wie die Forschung des französischen Physikers Henri Atlans: „Entre le cristal et la fumée” (zwischen Kristall und Rauch). Kaija Saariaho ist in die tiefsten Geheimnisse des Komponierens eingeweiht. Sie geht über die Grenzen des Bekannten hinaus und verliert doch nie die Beziehung zum Hörer.
“Unsere musikalische Erziehung beginnt, wenn unsere Mütter uns Wiegenlieder singen. Ich möchte als Komponistin keine Barrieren aufbauen und von dieser Musik ausgehen, die ich als erste in meinem Leben gehört habe. Ich möchte nicht elitär sein.”
Dabei hat Kaija Saariaho keine Angst vor harmonischen Klängen: “Kunst hat immer einen emotionalen Hintergrund und wer das komplett verstecken möchte, der hat meines Erachtens ein ziemliches Problem…. Wir können Intelligenzquotienten messen aber es geht heute immer mehr um emotionale Intelligenz und darum zu erkennen, dass hier die Quellen menschlicher Existenz liegen und es wäre verrückt, sich dessen als Künstler nicht bewusst zu sein.”
Kaija Saariaho wurde 1952 in Helsinki geboren. Als Studentin hatte sie die Basis ihrer eigenen Sprache durch Experimente jenseits der Klangideale ihrer Vorfahren gefunden. Sie studierte zunächst Malerei und bildende Kunst. Doch die Studien beim Paavo Heininen, den einflussreichsten finnischen Kompositionslehrer des 20. Jahrhunderts, führten sei dazu, den Kosmos der Musik tiefer zur ergründen. Kaija Saariaho belauschte intensiv die Klänge der Natur und begann, mit befreundeten Musikern zu improvisieren und zu experimentieren. Mit einigen Komponisten (darunter Esa-Pekka Salonen) gründete sie eine Gruppe, die sich “Korvat Auki!” nannte „Ohren auf!” Man wollte mit der zeitgenössischen Musik nicht im Abseits stehen, sondern sich mit dem Publikum gemeinsamen den zentralen Fragen des Menschseins stellen. Und Visionen als Antworten entwerfen.
Kaija Saariaho besuchte die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik, wo man auf internationalem Niveau neueste musikalische Experimente vorstellt und diskutiert. Und sie studierte weiter in Freiburg: In der Auseinandersetzung mit dem schweizer Komponisten Klaus Huber hat sie sich radikal vom europäischen Rahmen des 12-Ton-Systems befreit und vom englischen Komponisten Brian Ferneyhough fühlte sie sich weiter beflügelt Musik zu schreiben, die wie organisch wächst.
Sie wollte den Ton in seiner ganzen Schönheit und Dichte erforschen und so im Konzertraum zur Wirkung bringen, wie er in ihrer Vorstellung klingt und ging 1982 ans IRCAM nach Paris. In dem renommierten Forschungsinstitut für Musik und Elektronik – (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) hat sie mit Hilfe von Computer und Elektronik die Tonräume und Farben der akustischen Instrumente erweitert.
„Ich teile die Musik in verschiedene Kategorien, nach der Natur der Klänge, nach ihrer Oberfläche, ist sie körnig oder weich, oder nach der Helligkeit des Spektrums, danach, ob das Spektrum sehr klar und rein ist oder ob es komplex ist, je komplexer, um so mehr Anteile von Geräusch hat der Klang in sich.”
Kaija Saariaho findet neue Harmonien und formt den Klang im Raum wie mehrdimensionale Skulpturen mit verschiedenen Dichten.
Der Klangraum, in dem sich Kaija Saariaho bewegt, ist oft klingende Resonanz der Träume. Titel wie “From the Grammar of Dreams”, Wing of the Dreams”, „The Castle of the Soul” deuten das an. Schon früh spürte sie eine Affinität zu atmosphärisch dichten, bisweilen düstern Szenarien, die ihre Phantasie anregten. Schmunzelnd erzählt sie: “Ich habe als Kind viel gelesen. Schon mit 12 Jahren kannte ich die gesamte russische Literatur von Dostojewski. Ich war verrückt aufs Lesen. Mag sein, dass das fürchterliche Wetter in Finnland dazu beigetragen hat. Aus irgendeinem Grund las ich damals immer wieder “Schuld und Sühne” und meine Eltern fingen schon an, sich Sorgen zu machen.”
In ihren Oper beschäftigen sie die Seelenqualen der Menschen: „Die Liebe aus der Ferne” (L’Amour de loin) nach einer unglücklichen Liebesgeschichte aus dem Mittelalter erzählt vom libanesischen Dichter Armin Maloof, „Die Leidensgeschichte der Simone” (La Passion de Simone) – eine biographische Annäherung an das Schicksal der französisch-jüdischen Philosophin, Mathematikerin und Mystikerin Simone Weil und „Adriana Mater”, die Versöhnung eines bei einer Vergewaltigung gezeugten Sohnes mit seinem Vater.
Ihr musikalisches Anliegen ist stets gleich: “Ich suche nach einer Balance von Intellekt und Gefühl. Ich möchte diese Balance schaffen, um in größere Tiefen zu gelangen. Ich möchte besondere existenzielle musikalische Erfahrungen vermitteln.”
Über den langsamen Bilderfluss in den Filmen von Andrej Tarkowski hat Kaija Saariaho ihr Zeitgefühl neu definiert und die Magie der eingefrorenen Zeit entdeckt, sie unternimmt quasi Wanderungen in die Klänge hinein. Ingmar Bergmanns filmische Ausarbeitung der Psyche seiner Filmcharaktere und des Mythischen sind auch wesentliche Aspekte ihrer Werke wie „Chateuau de l’ame” – Seelenburg oder „Jardin Secret” – geheimer Garten. Im Zentrum steht die Beziehung des Individuums zum Anderen, reflektiert auf der Basis des eigenen Ich. Ihre Regieanweisungen an die Musiker lauten u.a.: „misterioso”,„espressivo” oder „molto energetico” – voller Energie.
Derzeit schreibt Kaija Saariaho an einem Auftragswerk für die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle, ihrem zweiten nach „Orion”. Es heißt – wie die Autobiographie des Filmregisseurs Ingmar Bergmann und der Bildprojektor aus dem 19. Jahrhundert „Laterna Magica”.
Kaija Saariahos Weg birgt ein tiefes Geheimnis: “Musik ist meine Art, mich dem Göttlichen zu nähern. Ich versuche, in die Tiefen unserer Existenz zu schauen.”



