Georges Aperghis 2009/10

„DER  MUSIKALISCHE  KÖRPER“ –  Ton, Klang, Geräusch, Bild, Körper, Geste,  Blick –
George Aperghis, Composer in Residence 2010

In Frankreich als „Star“ gehandelt und spätestens seit Anfang der 90er Jahre auch in Süddeutschland durch Gastspiele und Konzerte bekannt und präsent, ist George Aperghis in Norddeutschland nahezu unbekannt. Für diese „Abstinenz“ mögen Gründe darin liegen, dass Aperghis sich mit seinen Arbeiten schwer in bestimmte Kategorien einordnen lässt, im traditionellen Konzertrahmen vielleicht deplatziert wirkt und von den Interpreten eine andere Herangehensweise als die „herkömmliche“ Erarbeitung eines musikalischen Textes verlangt.

Von Athen nach Paris
George Aperghis (*1945, Athen) ist in erster Linie Autodidakt. Frühe künstlerische Prägungen erhielt er durch das Elternhaus: der Vater Bildhauer, die Mutter Malerin. In seinen Jugendjahren galt sein Interesse sowohl der Malerei als auch der Musik – allerdings war es im Griechenland dieser Jahre schwer, zeitgenössische Musik kennen zu lernen. Als er 1963 mit 18 Jahren nach Paris ging und bald Zugang zu musikalischen Kreisen fand, studierte er eine Zeitlang Schlagzeug und Dirigieren, aber vor allem hatte er jetzt endlich die Gelegenheit, die aktuelle Musikentwicklung gründlich zu studieren und Aufführungen zu besuchen. Hier gab er dann auch die Malerei zugunsten der Musik auf. Allerdings prägt die Einbeziehung des Visuellen in unterschiedlichsten Erscheinungs- und Ausdrucksformen – wie auch Live-Elektronik – sein gesamtes Schaffen bis heute.
Die bis Ende der 60er Jahre in Paris entstehenden Instrumental-Werke bezeichnet Aperghis selbst als „Studien“. Der große Erfolg des 1971 uraufgeführten Musiktheaterstück „La tragique histoire du nécromancien Hiéronimo et de son miroir“ markiert den Beginn einer intensiven und anhaltenden Arbeitsphase mit einem zentralen Arbeitsplatz: dem Theater.

Theater mit Musik – szenisches Konzert – Musiktheater – Oper?
Aperghis nähert sich, wie er selbst sagt, dem Theater nicht von vorn, aus der Zuschauerperspektive, sondern er kommt sozusagen von hinten, über die Kulissen. Anfangs beeinflusst von neuen Musiktheaterformen Mauricio Kagels oder auch John Cages, geht Aperghis bald eigene, noch nicht erforschte und unbekannte Pfade. Ihn interessieren Durchdringung, Beziehungen und Korrespondenzen von Stimme – Sprache – Instrument – Szene – Geste – Bild. Der menschlichen Stimme, die als Ausdruckträger unangefochten an der „Spitze“ steht, und dem musizierenden, darstellenden Sänger-Schauspieler-Musiker gilt sein besonderes Arbeits- oder treffender gesagt: sein Forschungsinteresse. Er schreibt Werke für Solostimme, die eine große szenische und gestische Präsenz haben, für Stimme(n) und Instrumente, Werke im Sinne des traditionellen Opernbegriffes auf ein vorliegendes Libretto oder szenische Musik für Instrumentalisten-Schauspieler.
Fast zwangsläufig bildet sich aus diesem Anspruch – der Einbeziehung und vor allem Gleichbehandlung aller Elemente sowohl des traditionellen Theaters als auch neuester Techniken – eine Arbeitsweise heraus, die eng, fast möchte man sagen untrennbar, mit den Interpreten seiner Stücke verbunden ist. Insbesondere die Werke der 70er und 80er Jahre entstehen entweder gezielt für eine Interpretin bzw. einen Interpreten oder sie bekommen Gestalt im gemeinsamen Arbeitsprozess mit einer Gruppe, um dann von Aperghis endgültig schriftlich fixiert zu werden – und dies geschieht ganz „traditionell“ in einem hochkomplexen Notenbild. Aber: Trotz der gleichberechtigten Einbeziehung der nicht-musikalischen Elemente Literatur – Malerei – Film etc. denkt und arbeitet Aperghis als Komponist: alle Elemente werden wie Teile einer musikalischen Partitur behandelt und gesetzt.

ATEM – L’Atelier Théatre et Musique
1976 gründet Aperghis mit einer Gruppe hochprofessioneller, experimentierfreudiger und vor allem neugieriger Künstlerinnen und Künstler – Schauspieler, Sänger, Musiker, Bühnenbildner, Videokünstler und Techniker – die Theatergruppe ATEM (L’Atelier Théatre et Musique), zunächst in einem Pariser Vorort, später in Nanterre beheimatet. Aperghis dazu: „Ich selbst habe immer davon geträumt, eine Werkstatt ins Leben zu rufen, in der Schauspieler, Musiker und Maler gemeinsam an Projekten arbeiten und mit dem Verhältnis von Musik, Theater, Malerei und Film experimentieren.“ (Gespräch mit Natalie Singer, Febr. 2000, Paris). Es entstehen über 20 gemeinsame Produktionen, mit denen ATEM auf Tournee geht und in den ersten Jahren vor allem auf dem Theaterfestival in Avignon Furore macht. Aperghis wird in Frankreich recht bald ein bekannter, begehrter und umworbener Künstler, was sich auch in einer Reihe renommierter Auszeichnungen und Preise äußert.
Einflüsse des Straßentheaters, der Commedia d’ell arte, auch aktueller sozialer Fakten, und die Nutzung aktuellster technischer Medien (Video, Elektronik) ergänzen bzw. bereichern die musikalisch-darstellerische Arbeit. Gemeinsam werden die Eigenschaften von Sprache – Musik – Klang – Bild – Geste erforscht, in neue Kommunikation miteinander gebracht. Diese Arbeitsweise erfordert einer große Aufmerksamkeit und Sensibilität aller Mitwirkenden füreinander und auf dieser Basis entstehen Werke, die in ihren besten Momenten eine Atmosphäre voller utopischer Magie vermitteln.
Obwohl viele seiner Stücke auf den ersten Blick sehr eng mit der französischen Sprache verbunden sind, spürt man, dass diese Ebene auch verlassen werden kann, andere Schichten zu Tage treten und den Zuschauer, Zuhörer ansprechen, ohne dass die Sprache im semantischen Sinne verstanden werden muss. Deshalb wurde bald die „französische Grenze“ überschritten und es entstanden (u. a. in Koproduktion mit Theatern und Festivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz) Werke wie „Sans Commentaire“ (1996), „Die Hamletmaschine – Oratorio“ (1999/2000), „Zwielicht (1999), „Machinations“ (1999/2000), „Le Petit Chaperon rouge“ (2001) oder „Zeugen“ (2007), die auf Gastspielen das Publikum faszinieren, erstaunen und in ihren Bann ziehen.
Der Werkkatalog von Aperghis wächst kontinuierlich, Musiktheater, Filmmusiken und Instrumentalwerke – vom Solostück bis zur großen Besetzung – kommen dazu, Video und Live-Elektronik werden stärker einbezogen. Aperghis wendet sich wieder verstärkt der Kammermusik zu – aber ohne dezidiert für die Bühne zu schreiben, fließen die Erfahrungen der theaterintensiven Zeit spürbar auch in diese Arbeiten ein.

„Falsche Fährten legen, Kreativität wecken “

Wie viele seiner Stücke, solistisch oder kammermusikalisch besetzt, entstand auch „Récitations“ für Stimme solo (1978) – im Rahmen von KLANG! Januar 2010 auf Kampnagel als Konzertinstallation zu hören und zu sehen – in enger Zusammenarbeit mit der Interpretin, der Sänger-Schauspielerin Martine Viard. In 14 „Rezitationen“, bestehend aus rhythmisierten Sprachfetzen, Lauten, Worten, Geräuschen und Gesten, entstehen Minidramen, die keine linearen Geschichten erzählen, nicht psychologisierend sind, sondern den Zuschauer mit unerwarteten Situationen, extremen Affektäußerungen und emotionalen Zuständen voller Witz, Irrsinn und Dramatik konfrontieren. Überraschung, Bekanntes in ungewohnter Weise neu zusammenzusetzen, ungewohnte Beziehungen herstellen, das kennzeichnet nicht nur dieses Werk, sondern durchzieht sein gesamtes Schaffen. „Récitations“ kann somit durchaus als ein Schlüsselwerk im Schaffen von George Aperghis bezeichnet werden.
Aperghis liebt es, sich selbst, den Interpreten und dem Publikum „falsche Fährten“ zu legen, um dadurch „unerhörte“ oder auch „ungesehene“ Dinge entstehen zu lassen. Im Interview mit Natalie Singer im Rahmen der Aufführung von „Machinations“ benannte er wichtige Grundlagen seiner Arbeit und seines künstlerischen Credos: „Das Visuelle darf die Musik nicht unterstreichen, die Musik nicht eine Handlung. Die Dinge müssen sich ergänzen, unterschiedlicher Natur sein. Das ist für mich eine wichtige Regel: nie zweimal dasselbe sagen … Es muss etwas Drittes entstehen… Mir gefällt es, die Menschen zu rühren, so dass sie von einem Gefühl ergriffen werden, von einem Affekt, ganz ohne Grund. Die Zuschauer… sollen während der Aufführung so kreativ wie möglich sein. Das ist wichtig, weil sonst in der Regel das Gegenteil bezweckt wird: Alles wird getan, die Menschen wie Schafe zu halten.“
Auch auf die Gefahr des Pathetischen: Aperghis stellt in das Zentrum seiner Arbeiten – ob rein instrumental, mit Stimme oder szenisch – den Menschen in all seinen emotionalen, sozialen und existenziellen Ausdrucksformen. Und im Idealfall gelingt ihm und seinen Interpreten etwas, was mehr ist als die Summe von Tönen, Klängen, Bildern und Aktionen: ein poetisches, absurdes,  verstörendes, ironisches, archaisches, verrücktes, sinnliches, erhellendes und doch schwer benennbares, vor allem aber: ein zutiefst menschliches Spiel. http: //www.aperghis.com

Von Marlis Adjanor